ERÖFFNUNG 1926

Nach der Wiederaufnahme der Bauarbeiten ging es schnell: Am 6. Dezember 1926 waren erste Probefahrten möglich, am 18. Dezember 1926 konnten die Strecke von Welper zum Gemeindehaus Stiepel mit einem Abzweig zur Zeche Carl-Friedrich und einem Abzweig nach „Frische“ in Betrieb genommen werden. Das Netz der Hattinger Kreisbahnen wuchs damit um 7,54 Kilometer.

Zwischen Welper und Stiepel wies die eingleisige Strecke anfangs nur einen Kreuzungspunkt auf: die Ausweiche „Brockhausen“ in Höhe der Gaststätte „Stiepeler Hof“ in Hofstiepel. Auf dem Weg zum Gemeindehaus erschloss die Trasse die 1922 von der Gemeinde Stiepel an der Finkenstraße (heute Kosterstraße) errichteten Mehrfamilienhäuser. In Höhe dieser Häuser entstand vermutlich unmittelbar nach der Streckeneröffnung das nachfolgende Foto. Gut ist darauf der fast provisorisch anmutende Oberbau der Straßenbahnstrecke auf der noch unbefestigten Finkenstraße zu erkennen (Sammlung Wilhelm Dickten – Sammlung Stiepeler Verein für Heimatforschung e.V.).

Über ein Gleisdreieck war die von Welper kommende Strecke am Gemeindehaus in Stiepel mit den Streckenästen nach Weitmar und Stiepel „Frische“ verbunden. Der Abzweig aus Richtung Welper nach „Frische“ wurde für Betriebsfahrten sowie von aus- und einfahrenden Wagen genutzt. An dieser Stelle entstand das nachfolgende Foto des Straßensprengwagens der Gemeinde, auf dem der Abzweig der Straßenbahnstrecke von der Finkenstraße in die Kemnader Straße gut zu erkennen ist (Sammlung Stiepeler Verein für Heimatforschung e.V.). Auf dem vermutlich 1929 aufgenommenen Bild sind unter anderem Otto Bierwirth am Steuer und Friedrich Wilhelm Finke (mit Kappe) zu sehen. Letzterer war von 1919 bis 1924 Gemeindevorsteher von Stiepel.

AUFRUHR IM KÖNIGREICH

So sehr sich der Straßenbahnhistoriker auch über das seltene Bilddokument freut, in Stiepel führte die Anschaffung des Sprengwagens zum öffentlichen Eklat. Im Mai 1926 hatten Teile der Stiepeler Bürgerschaft die Übernahme eines gebrauchten Fahrzeugs von der Stadt Bochum aufgrund der Anschaffungskosten in Höhe von 2000 Mark und der Betriebskosten in Höhe von 4,60 Mark pro Kilometer gesprengter Straße abgelehnt. Im Oktober 1927 befürwortete die Gemeindeversammlung den Kauf eines neuwertigen Fahrzeugs in der Preislage von 22.500 bis 28.600 Mark sowie den Bau eines Sprengwagenschuppens, der mit 7.000 bis 8.000 Mark zu Buche schlagen sollte.

Am 19. Juni 1928 wurden die Beschaffung des Sprengwagens und der Bau des Schuppens im Gemeinderat beschlossen. Zur Finanzierung nahm die Gemeinde eine Anleihe in Höhe von 30.000 Mark in den Haushaltsplan für das Jahr 1929 auf. Im Frühjahr 1929 wurde das Fahrzeug vermutlich geliefert – als eine der letzten Anschaffungen vor der am 1. August 1929 vollzogenen Eingemeindung von Stiepel nach Bochum.

Obwohl der Sprengwagen weder bestellt noch geliefert worden war, überschüttete die in Bochum erscheinende Westfälische Volks-Zeitung die Stiepeler, die ihr Dorf schon gerne als Königreich Stiepel bezeichneten, bereits am 21. April 1928 mit Häme: „Wie freuen wir Bochumer uns, daß die Querenburger und Stiepeler eine so ausgezeichnete Mitgift in die Ehe bringen. Der Stiepeler Sprengwagen ist eine Verbeugung vor seiner Excellenz dem Gast. Wenn im Sommer die Sonne die Stiepeler Straßen pulvertrocken brennt, … wird der Sprengwagen in Aktion treten. … Die Bochumer werden in den kommenden Monaten auf ihren Ausflügen Gelegenheit haben, ihn zu bewundern.“

NACH BOCHUM UND FRISCHE

Kehren wir zurück zur Straßenbahn und zur Weiterführung der neuen Strecke vom Gleisdreieck am Gemeindehaus zur Endstelle in Stiepel und nach Bochum: Auf beiden Ästen wurde die Strecke eingleisig in nördlicher Straßenrandlage ausgeführt. Auf dem Teilstück zwischen dem Gemeindehaus und der Endstelle „Frische“ lag die Ausweiche „Am Sehrbruch“. Zwischen dem Gemeindehaus und der Zeche Carl-Friedrich befand sich in der heutigen Kemnader Straße die Ausweiche „Brüderstraße“ in Höhe der Einmündung der heutigen Straße Im Haarmannsbusch.

An der Endstelle „Frische“ soll sich ursprünglich eine Weiche sowie ein Abstellgleis befunden haben. Belegt ist das nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hier nur noch eine eingleisige Stumpfendstelle.

AB BOCHUM HAUPTBAHNHOF

Der Bezugspunkt für die Linienbezeichnungen war die Endstelle am Bochumer Hauptbahnhof: Als Linie II fuhren die Wagen der Hattinger Kreisbahnen von dort über Wiemelhausen, Weitmar, Stiepel und Welper zur Endstelle „Roonstraße“ in Hattingen. Dort hatte man zuvor eine Ausweiche angelegt, um eine Behinderung der von Hattingen und Blankenstein fahrenden Linie I durch die wendenden Wagen der Linie II zu vermeiden. Unter der Bezeichnung III fuhren die Wagen der Hattinger Kreisbahnen vom Bochumer Hauptbahnhof zur Endstelle „Frische“ in Stiepel.

Leider wurde in den 1920er-Jahren selten fotografiert. So ist das vom Biergarten des Gasthauses „An der Kost“ aus aufgenommene Beitragsbild das bislang einzige Bilddokument, das einen Triebwagen der Hattinger Kreisbahnen in der ersten Betriebsphase auf der Kosterbrücke zeigt (Stadt Bochum, Presseamt).

ZUR SCHÖNEN AUSSICHT

„Frische“, eine Gaststätte auf der Anhöhe zwischen Bochum und dem Ruhrtal, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das soziale und gesellschaftliche Zentrum in Stiepel. Die 1857 von Friedrich Frische gegründete „Restauration zur schönen Aussicht“, kurz „Frische“, diente den Bochumer und Hattinger Bürgern als Ausflugslokal. Zugleich war die Gaststätte das Stammlokal zahlreicher Vereine. Darüber hinaus beherbergte sie eine Postagentur.

1935 gab die Familie Frische das Lokal auf. Bis zur endgültigen Schließung der Gaststätte wechselten mehrfach die Besitzer des Anwesens und die Gastronomen. Um 1970 wurde das Gebäude zum Wohnhaus umgebaut. 1976/77 folgte der Abbruch.

Im Rückblick war das Geschäftsjahr 1926/27 eines der besten Jahre der Hattinger Kreisbahnen. Das Unternehmen beschäftigte 61 Mitarbeitende. Die Zahl der beförderten Personen wird im Geschäftsbericht mit 1,47 Millionen angegeben.

Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG übernahm über die gesamte Betriebsdauer der Straßenbahnstrecke nach Stiepel für die Endstelle die Bezeichnung „Frische“. Als Bushaltestelle blieb die Bezeichnung bis 1978 erhalten. Seither heißt die traditionsreiche Haltestelle „Haarholzer Straße“.